10. Teil zur Vendis GmbH: das Ende!

19.06.2017 – Fünf Jahre ist es jetzt her, seit wir zum ersten Mal über die Vendis GmbH und ihre offizielle Geschäftsführerin Eva R. berichteten. Mit Internetauftritten unter Großhandel-Angebote.de und Grosshandel-Produkte.de stellte sie eine Abofalle mit einer Spur von Branchenbuchabzocke dar. Knapp 600 Euro sollten Betroffene zahlen, die auf den trickreich gestalteten Internetauftritt herein gefallen waren.

Hunderte von Strafanzeigen waren wegen dieser Masche gestellt worden. Doch es kam zu keiner einzigen Anklage.

Wir wollen unsere Berichterstattung über die Vendis GmbH nach fünf Jahren zu Ende bringen. Und sahen uns dazu die Ermittlungsakten an.


Man wollte nicht ermitteln

Bei den Ermittlungsbehörden war das Interesse, sich mit der Vendis GmbH zu befassen, gering. Anfänglich hatte die Vendis GmbH sich in einem Berliner Büroservice-Unternehmen eine Tarnadresse gekauft; Virtual-Office nennt sich so etwas. Als die ersten Strafanzeigen eingingen, sah die Berliner Staatsanwaltschaft sich nicht als wirklich zuständig. Weil die Firma doch gar nicht richtig in Berlin sitzen würde. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, in dieser Stadt war Eva R. gemeldet, sah wiederum Berlin als zuständig. Eine Adresse sei eine Adresse, auch wenn sie nur eine Deckadresse ist. Schließlich musste Frankfurt doch übernehmen. Zumal die Vendis GmbH ihre Berliner Tarnung aufgeben musste, nachdem der Büroservice nicht mehr mitspielte.

Die Frankfurter wollten die Sache vom Tisch haben. Sie stellten am 12.10.2012 das Verfahren ein. Es sei alles rechtens, was die Vendis GmbH mache, hieß es in einer Abschlussverfügung des Leitenden Oberstaatsanwaltes.

Doch wie hieß es schon vor Jahrzehnten, frei nach Rio Reiser und Ton Steine Scherben, in einem immer noch aktuellen Lied:

„Allein machen sie dich ein | Schmeissen sie dich raus, lachen sie dich aus […] | Zu hundert oder tausend kriegen sie langsam Ohrensausen |Sie werden zwar sagen: "Das ist nicht viel" | Aber tausend sind auch kein Pappenstiel | Und was nicht ist, das kann noch werden“.

Irgendwann fiel es der Ermittlungsbehörde auf: es kommen jeden Tag etliche neue Strafanzeigen, formulierte sie in einem Vermerk. Aufgrund dieser neuen Strafanzeigen machte man weiter. Offiziell zumindest. Dass dabei besondere Ermittlungsaktivitäten an den Tag gelegt wurden, konnten wir den uns vorliegenden Akten aber nicht entnehmen.


Ein Millionen-Spiel

Dabei ging es um viel. Das Geld floss in Strömen an die Vendis GmbH mit ihren rasch wechselnden Konten. Zwei der kontoführenden Banken erstatteten Geldwäsche-Verdachtsmitteilungen. Die VR Bank HessenLand eG meldete wenige Tage nach Aufnahme des Geschäftsbetriebes der Vendis GmbH bereits 73 Zahlungseingänge á 284,17 Euro. Macht knapp 21.000 Euro – in nur zwei Wochen. Noch mehr Geld ging bei der Volksbank Lauterbach-Schlitz eG ein. 337.000,00 Euro – innerhalb von drei Monaten im Sommer 2012. Rechnet man diese Beträge hoch, gelangt man über die Dauer der heißen Vendis-Phase auf einen Millionen-Betrag. Geld, das nach unserem derzeitigem Kenntnisstand niemals zurückgezahlt werden musste.


Verfahren gegen Michael B.: eingestellt

In einem unserer Blog-Beiträge schrieben wir über den Hintermann, Michael B.: man müsse geradezu den Hut ziehen, über seine Chuzpe.

Als er das Geschäft mit der Vendis GmbH startete, war er bereits zu zwei Freiheitsstrafen verurteilt worden. Am 10.06.2016 bildete daraus das Landgericht Hanau (Az. 4801 Js 7929/07 4a Kls) eine Gesamtfreiheitstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten. Das die nicht zur Bewährung ausgesetzt war, musste Michael Bu. nicht wirklich stören. Dadurch, dass diese Verfahren sich über Jahre hingeschleppt hatten, wofür er auch seinem Anwalt dankbar sein sollte, gab es Rabatt. In Form einer Vollstreckungsanrechnung. Zeiten, die ihm vorab erlassen wurden: 15 Monate, zuzüglich 218 Tage für gezahlte Bewährungsauflagen. Und nun raten Sie einmal, wie lange er wirklich wegen des Restes in Haft saß. Juristen ahnen es, wenn das Stichwort „Reststrafenaussetzung zur Bewährung“ fällt, Nichtjuristen werden es nicht glauben.

Michael B. soll jetzt auf Mallorca gesehen worden sein.

Aber wegen genau dieser Verurteilung zu einer – na ja – übersichtlichen Straffolge, wollte man ihn nicht noch einmal mit der Strafjustiz behelligen. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gemäß § 154 Abs. 1 StPO ein. Weil eine neue Strafe nicht mehr beträchtlich ins Gewicht fallen würde, hieß es.

Chapeau Michael B., diese Nervenstärke muss man erst einmal haben.


Verfahren gegen Eva R..: eingestellt

Auch für die offizielle Geschäftsführerin der Vendis GmbH, Eva R., ging das Strafverfahren gut aus, nachdem der Anwalt von Michael Bu., an die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main geschrieben hatte:

„Frau R. war nur Strohfrau […] Tatsächliche Tätigkeiten wurden von ihr nicht erbracht. Sie hatte auch keinen Einblick in die Geschäftsabläufe.“

Nachdem Frau R. den Ermittlungsbehörden auch noch wohnsitzmäßig abhandengekommen war, stellte man das Verfahren gegen sie gemäß § 170 Abs. 2 StPO ein. Dass man sich bei der Ermittlungsbehörde die Frage gestellt hatte, ob die Sozialhilfeempfängerin sich für Gottes-Lohn als Strohfrau verdingte oder ob die Stütze auf diese Weise aufgebessert wurde, konnten wir der uns vorliegenden Ermittlungsakte nicht entnehmen.


Verfahren gegen alle anderen: eingestellt

Gemäß § 170 Abs. 2 StPO wurde auch das Verfahren in Sachen Vendis GmbH gegen Max Philipp R. und alle anderen zeitweilig Beschuldigten eingestellt.

Die Vendis GmbH ist bis heute im Handelsregister des Amtsgericht Offenbach am Main (HRB 46921) eingetragen. Die Strohfrau Eva R. dürfte kein Interesse haben, noch einmal Geld in die Hand zu nehmen, um die Firma zu löschen. Auch die Seiten Grosshandel-Produkte.de und Grosshandel-Angebote.de wurde bis heute nicht gelöscht. Da zahlt wohl noch immer jemand jedes Jahr die Domain-Preise.


Unsere Mandanten mussten nichts zahlen

Abschließend zum letzten Mal die Antwort auf eine Frage, die uns häufig gestellt worden war: keiner von hunderten Mandanten, die wir gegen die Vendis GmbH vertreten hatten, wurde jemals zu einer Zahlung verurteilt.

Die Liste unserer Blog-Beiträge über die Vendis GmbH:

[Zum Blog-Beitrag vom 08.03.2012]
[Zum Blog-Beitrag vom 12.04.2012]
[
Zum Blog-Beitrag vom 02.07.2012]
[Zum Blog-Beitrag vom 12.09./24.09.2012]
[Zum Blog-Beitrag vom 08.10.2012]
[Zum Blog-Beitrag vom 15./17.04.2013]
[Zum Blog-Beitrag vom 26.07.2013]
[Zum Blog-Beitrag vom 06.03.2014]

Radziwill ● Blidon ● Kleinspehn
Rechtsanwälte | Fachanwälte
Kontakt über Telefon
030 - 861 21 24

Kontakt über Fax
030 - 861 26 89

Kontakt über E-Mail
mail [at] radziwill.info