Mit Kölner Masche und türkischen Callcentern: die Ottenbacher Verlags GmbH aus Berlin

09.05.2019 mit Update vom 17.07.2019 – Der Trick ist schon rund zwei Jahrzehnte alt. Er funktioniert mit Callcentern in der Türkei, die Gewerbetreibende in Deutschland anrufen und dabei unter falscher Flagge segeln. Sich Trickformulare zuschicken lassen, in denen die Angerufenen sich verpflichten, viel Geld zu zahlen. Für eine Anzeige in etwas, was sich Bürgerinformation oder ähnliches nennt. Später kommt eine hohe Rechnung einer deutschen Firma. Bevorzugt aus der Umgebung der rheinland-pfälzischen Stadt Bad Kreuznach.

Kölner Masche nennt sich das Ganze.

Fast genauso geht es bei der Firma zu, über die wir in diesem Blog-Beitrag berichten. Der Ottenbacher Verlags GmbH mit ihrem offiziellen Geschäftsführer Eyüp Bektas. Nur dass die Firma offiziell nicht in Bad Kreuznach sitzt, sondern in 14167 Berlin. Mühlenstraße 8. Mit Bad Kreuznach ist man aber über das Inkassobüro verbunden, das gegen diejenigen in Stellung gebracht wird, die nicht schnell zahlen.

Es geht um Tausende von Euro, die von den Betroffenen im Laufe der Zeit an die Ottenbacher Verlags GmbH gezahlt werden sollen.


Trickanruf aus der Türkei

Gewerbetreibende, Freiberufler und Vereine, die in der Vergangenheit regelmäßig in einer von Dritten, der Gemeindeverwaltung oder der Kirche, inseriert hatten, erhalten einen Anruf. In akzentfreiem Deutsch bezieht man sich auf diese Anzeige und erklärt, es müsse schnellstens ein Formular unterschrieben werden – sonst könne das Inserat nicht mehr in der nächsten Ausgabe veröffentlicht werden.

Das angekündigte Formular kommt bald darauf. Tatsächlich findet sich in ihm auch die bisher verwendete Anzeige der so Angesprochenen. Ebenso die sinngemäße Bezeichnung der bisherigen Publikation. Beispielsweise Bürgerinformation. Die so Angesprochenen gehen davon aus, dass alles seine Richtigkeit habe. Schließlich hatte man gerade darüber geredet. Sie unterschreiben – und schicken es an die angegebene Rückfax-Nummer zurück.

Dass der Anruf aus der Türkei kam, von einem Callcenter, das sich ISV Reklam oder MP Media nennt, fällt in dem Moment nicht auf. Häufig sind die Anrufer Deutsche, die in die Türkei ausgewandert sind.

Tatsächlich hat das Ganze nichts mit der bisherigen Anzeigenschaltung zu tun.


Eine (so) unerwartete Rechnung

Nicht immer, aber zumeist, fällt der Schmu beim Eintreffen der ersten Rechnung auf. Eine bis dahin unbekannte Firma, die Ottenbacher Verlags GmbH, gibt an, einen Anzeigenvertrag, vermittelt durch eine ISV Reklam aus der türkischen Großstadt Bursa, übernommen zu haben. Ein anderes Mal wird Bezug genommen auf eine Firma MP Media. Die habe ihr den Vertrag verschafft. Jedenfalls verlangt die Ottenbacher Verlags GmbH über 1.300 EUR. Für den Druck der Anzeige in einem Folder.

Mit diversen Zahlungserinnerungen, Mahnungen und allerletzten Mahnungen wird ein Druckszenario erzeugt. Später meldet sich ein Inkassobüro. Die Ass. jur. Eliane Becker-Lerner AktivaInkasso GbR aus 55543 Bad Kreuznach; das Büro vertrat in der Vergangenheit eine Vielzahl von Firmen mit vergleichbarem Geschäftsmodell.

[Die Abzockerszene und ihr Inkasso – was dürfen Inkasssobüros?]


Was für ein „Folder“?

Die Betroffenen fragen sich natürlich, wofür eigentlich das viele Geld verlangt wird. In dem Formular, das ihnen von den türkischen Callcentern untergeschoben wurde, ist von einem Bürger-Info-Folder die Rede. Doch was soll das sein? Wo, an wen und überhaupt: nach welchen Kriterien, wird die bescheidene Auflage unter die Bürger gebracht? Die Aussagen im Formular sind dazu mehr als dünn.

[Beispiel eines Anzeigenformulars]

Auch ein Blick auf den Internetauftritt der Ottenbacher Verlags GmbH unter ottenbacher-verlag.de hilft nicht weiter. Er zeichnet sich durch inhaltsleere Sprechblasen aus. Da kann man unter der Überschrift “Impulse – die bewegen“ lesen:

“ Qualität ist unser Maßstab! Der absolute Antrieb, nicht nur über die Kreation oder die Realisation zu punkten, sondern die Wertigkeit jedes Projektes in den Vordergrund zu stellen, überzeugt unsere Auftraggeber immer wieder auf das Neue.“

Oder:

“Wir verfügen über die neuesten Werbetechnologien im eigenen Haus. Damit ist sichergestellt, dass wir für Sie die Hoheit über die Werbemittel und vor allem die Daten behalten.“


30% für das türkische Callcenter?

Wir kennen nicht die Details der Geschäftsverbindung zwischen der ISV Reklam oder der MP Media einerseits und der Ottenbacher Verlags GmbH andererseits Doch darüber, wie eine Zusammenarbeit zwischen türkischen Callcentern und deutschen Firmen aussieht, konnten wir vor einigen Jahren am Beispiel der Firma Medienpol Design GmbH, einer damals besonders aktiven Firma aus Bad Kreuznach, berichten:

“ Da gibt es eine deutschspachige “Rahmenvereinbarung für die Übertragung von Anzeigenverträgen.“ Das Call-Center heißt darin „Veräußerer“, die Medienpol Design GmbH „Erwerber“. Wir zitieren daraus:

"Präambel:

Der Veräußerer ist Inhaber einer Handelsagentur. Er beschäftigt Außendienstmitarbeiter, die Gewerbetreibende akquirieren, die ihrerseits Anzeigenaufträge an die Handelsagentur erteilen. Der Veräußerer vertreibt diese Anzeigenaufträge weiter, wodurch er durch den zustande gekommenen Vertrag mit den einzelnen Gewerbetreibenden berechtigt ist.

Der Erwerber unterhält ein Internetbranchenbuch unter der Domain Go-City.org. Er selbst hält aktuell keinen eigenen Außendienst vor. Da der Veräußerer nicht alle der akquirierten Anzeigenaufträge abwickeln kann, treffen die Parteien folgende Vereinbarung:

§ 1 Vertragsgegenstand

Der Veräußerer bietet dem Erwerber regelmäßig die Übernahme geschlossener Anzeigenaufträge an. Der Erwerber hat die Möglichkeit, diese nach Prüfung des rechtmäßigen Zustandekommen der Aufträge zu übernehmen. In diesem Fall werden die übernommenen Verträge einzeln anhand des als Anlage 1 beigefügten Musters übertragen. [….]

§ 2 Kaufpreis

Für jeden übertragenen Vertrag auf den Erwerber erhält der Veräußerer einen Kaufpreis in Höhe von 30% des Auftragswertes.[….]

§ 5 Geltendes Recht

Für diesen Vertrag sowie die künftig zu schließenden Übertragungsverträge gilt ausschließlich deutsches Recht."

Die in § 1 der Rahmenvereinbarung erwähnte Anlage hat folgenden Wortlaut:

"[….]
Der Veräußerer überträgt folgende Anzeigenaufträge auf den Erwerber:

----

Der Erwerber verpflichtet sich, die die Veröffentlichungen auf eigene Kosten mit den im zugrunde liegenden Vertrag vereinbarten Bedingungen durchzuführen. Er übernimmt zu diesem Zwecke sämtliche vertraglichen Verpflichtungen vom Erwerber.

Der Veräußerer erklärt im Hinblick auf die oben genannten Verträge nochmals ausdrücklich, dass diese in rechtmäßiger Art und Weise zustande gekommen sind, insbesondere dass die Vorschriften des UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) sowie sonstiger Gesetze bei der Akquise der Aufträge beachtet wurden."

Den Vorteil, die eine solchen Zusammenarbeit mit türkischen Callcentern bietet, hatten wir damals so beschrieben:

“Diese Masche hat für die Medienpol Design GmbH des Hans-Jürgen Doll nicht nur den Vorteil, dass man sich die Mühen der Akquise erspart. Apropos Mühe: der Schnitt liegt bei etwa 5 zu 1 – von fünf Angerufenen erteilt einer einen Auftrag, heißt es. Einmal in der Woche werden die so akquirierten Aufträge mitsamt der Übertragungsvereinbarung nach Deutschland übersandt. Die Masche hat auch den vermeintlichen Vorteil, vor Problemen sicher zu sein: nicht nur wegen eines Verstoßes gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Sondern vor allem vor den Strafverfolgungsbehörden - hofft man jedenfalls. Denen kann man dann erzählen, man hätte mit krummen Sachen nichts zu tun; das seien die Türken schuld.“


Der Trick, um Google-Seiten zu füllen

Sucht man bei Google mit dem Stichwort Ottenbacher Verlags GmbH bemerkt man einen Trick, mit dem Firmen der „Szene“ schon seit Jahr und Tag versuchen, kritische Berichte über sich zu verdrängen. Man macht sich die Gewohnheit zu Nutze, dass die meisten sich nur die erste, höchstens noch die zweite Seite der Suchergebnisse anschauen. Deshalb füllt man diese Seiten, in dem man auf unzähligen Portalen für PR-Mitteilungen Spuren hinterlässt. Beispielsweise mit kurzen selbstgeschriebenen Infos. „Punktlandung mit Videomarketing“ kann man lesen. Oder: „Ottenbacher Verlags GmbH berät zu Marketingplänen“.


Wirklich in Berlin?

Die Ottenbacher Verlags GmbH wurde am 19.02.2018 im Handelsregister des Amtsgericht Berlin-Charlottenburg (HRB 193732 B) eingetragen. Zum Geschäftsgenstand heißt es:

"Die Vermarktung und Erbringung sämtlicher Dienstleistungen auf dem Gebiet des Marketings, der Mediaberatung und des Verlagswesens, überdies die einmalige und fortlaufende Übernahme von Forderungen Dritter aus deren Lieferungen und Leistungen."

Geschäftsführer und Alleingesellschafter der mit einem Stammkapital von 25.000 Euro ausgestatteten Firma ist der 1985 geborene Eyüp Bektas. Bei der Firmenanmeldung nannte er für sich eine Berliner Anschrift.

Wir wissen nicht, ob er der tatsächliche Entscheider in der Firma ist. In dieser speziellen Geschäftswelt ist der Einsatz von Strohpuppen verbreitet, durch die sich die tatsächlichen Hinterleute schützen. Bei einer Google-Suche unter dem Namen Eyüp wurden auch Suchergebnisse angezeigt, nach denen der Name unter anderem mit einem Kfz-Zulassungsdienst und einem Taxiunternehmen in Verbindung steht.

Ob man aber unter der nach außen angegebenen Firmenanschrift der Ottenbacher Verlags GmbH in der Mühlenstraße 8a, 14167 Berlin tatsächlich jemanden von der Firma antreffen wird, wissen wir nicht. Dort findet sich auch eine Firma, die sich anpreist als „Ihr Virtual Office - Anbieter in Berlin“; der Volksmund nennt so etwas Tarn- oder Deckadressen.


Wer zahlt, wird keine Ruhe haben

Viel zu viele zahlen an solche Firmen. Häufig, um ihre Ruhe zu haben. Oder weil es ihnen peinlich ist, auf die Masche herein gefallen zu sein. Sie tragen so dazu bei, dass diese Art von Geschäft kein Ende findet.

Wer glaubt, nach Zahlung der Rechnung der Ottenbacher Verlags GmbH Ruhe zu haben, wird sich bald mit der nächsten Rechnung konfrontiert sehen. Nach dem Vertragsformular entsteht der Rechnungsbetrag dreimal im Jahr. Zwei Jahre lang. Das sind dann etwa 8.000 Euro.


Forderungsabwehr ist möglich

Doch so, wie es die Ottenbacher Verlags GmbH mit ihrem türkischen Callcenter versucht, kommen Verträge nicht wirksam zustande. Alleine schon deshalb, weil es, wie es im Juristenlatein heißt, an den essentialia negotii mangelt.

Wenn man eine Rechnung der der Ottenbacher Verlags GmbH für ihren sogenannten Bürger-Info-Folder erhält, ist nach unserer Erfahrung eine frühest mögliche Reaktion der sicherste Weg, um sich zu wehren. Am besten mailen Sie uns - unverbindlich - vorab den kompletten Schriftwechsel; wir melden uns dann.



Update vom 17.07.2019:

Mitte Juli 2019 fiel uns ein Satz in den Schreiben der Ottenbacher Verlags GmbH auf: "Bitte beachten Sie unsere neue Bankverbindung!" Ein Konto bei der Deutschen Bank wurde genannt. Zu dem „warum“ wissen wir nichts.

In der Biographie über einen vormals für einschlägige Firmen tätigen Rechtsanwalt wurde vor einigen Jahren der Kampf um das Konto als eines der größten Probleme beschrieben. Regelmäßig würden Banken die Geschäftsverbindungen beenden.

[Zum Blog-Beitrag vom 24.07.2012: Die toten Ratten eines Abzockeranwalts – drei Lehren für den Kampf]




Mehr Informationen zum Thema "Kölner Masche" finden Sie in einem Spezial-Beitrag:

[Anzeigenbetrug mit der Kölner Masche]

Ohne sie geht gar nichts:
[Callcenter - Maschinenräume der Abzockerszene]

Neu ist er nicht:
[Seit über 100 Jahren: Inseratenschwindel, damals so wie heute]



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