Wenn hochglänzende Dachpfannen den Nachbarn blenden

08.08.2019 – Nicht erst seit gestern werden hochglänzend glasierte Dachpfannen angeboten. Sie haben den Vorteil, für Wasser und Schmutz komplett undurchlässig zu sein. Doch selbst Dachdecker mangelt es mitunter am Problembewusstsein für deren großen Nachteil: sie können das Sonnenlicht zu stark reflektieren.

Ein Nachbarstreit um glasierte Dachziegel und deren Blendwirkung führte bis vor das Oberlandesgericht Hamm (OLG Hamm, Urteil vom 09.07.2019 – 24 U 27/18). Das Gericht hatte sich mit der Frage zu befassen, ob einem Nachbarn ein Schutz gegen diese Blendwirkung zustand.


Mit gesenktem Blick

Im Sauerland gab es zwei Grundstücksnachbarn. Das Haus des einen, des späteren Beklagten, lag an der südlichen Grundstücksgrenze und leicht versetzt zum Haus des anderen, des späteren Klägers.

Am 11.06.2015 ließ der, dessen Haus sich an der südlichen Grundstücksgrenze befand, das Dach mit hochglänzend glasierten Dachpfannen vom Typ „Futura Nobles dunkelgrundlasiert“ eindecken.

Sein Nachbar war entsetzt. Insbesondere von April bis Oktober käme es in der Zeit von 10:30 Uhr bis 15:30 Uhr zu stärksten Blendungen, behauptete er. So stark, dass er Garten und Terrasse nicht mehr benutzen könne. Nur noch mit gesenktem Blick könne er nach draußen gehen. Schon nach kurzem Aufenthalt könnte er bei einer Rückkehr in den Wohnbereich nichts mehr sehen. Auch die Nutzung des Wohn- und Essbereiches sei nur noch mit gesenktem Kopf möglich, weil die Blendung selbst innerhalb des Hauses noch stark wahrnehmbar sei. Wenn Vollmond schiene, selbst in Winternächten, würde wiederum alles in seinem Haus fürchterlich geblendet werden. Kurzum: die Dachziegel müssten weg.

Der andere Nachbar sah das nicht ein. So verklagte er ihn Mitte 2016 vor dem Landgericht Arnsberg.


Teilaustausch durch engobierte Ziegel

Der Prozess zog sich. Währenddessen wurde im Mai 2017 ein Großteil der hochglänzend glasierten Dachpfannen ausgetauscht. Durch mattglasierte, engobierte Ziegel. Nicht aber wurden ausgetauscht die im Bereich der Ortgänge und des Dachfirstes verlegten Dachpfannen.

Der klagende Nachbar war damit noch nicht zufrieden und führte den Prozess weiter. Er würde geblendet werden, wie zuvor, meinte er. Immer noch unerträglich sei es auf seinem Grundstück.

Das Landgericht Arnsberg beauftragte einen Sachverständigen. Der erschien und machte sich an die Messungen. Die alten Ziegel im Bereich der Ortgänge und auf dem Dachfirst blenden in der Tat extrem, stellte er fest. Bis 400.000 cd/m². Aber das wären nur wenige Dachbausteine. Der Rest würde nicht einmal annähernd so stark blenden. Die von den mattglänzenden Dachpfannen ausgehende Leuchtdichte wurde mit 54.000 cd/m² beziffert. Ab 11:15 Uhr. Davor lagen die Werte sogar nur bei maximal 5.000 cd/m².

Der Prozess gar nicht zur Zufriedenheit des klagenden Nachbarn aus. Er verlor ihn zu 90%. Nur an den wenigen hochglänzenden Dachpfannen müsste etwas gemacht werden, urteilte das Gericht. Soweit sie eine Leuchtdichte von über 100.000 cd/m² haben.


Ein Besuch durch das Gericht

Der klagende Nachbar bestand weiter darauf, dass auch die mattglasierten Dachpfannen weg müssten. Er legte Berufung ein. Zum Oberlandesgericht Hamm. Dort entschieden sich die Richter des zuständigen Senats, nicht nur auf das Sachverständigengutachten zu setzen. Am 19.06.2019 fuhren sie in das Sauerland. Und sahen sich in der Zeit zwischen 11:30 Uhr und 12:38 Uhr die Zustände vor Ort an.

Danach wiesen sie die Berufung zurück. Von einer ständigen starken Blendung könne keine Rede sein, urteilten sie. Das las sich dann so:

“Der Senat hat von verschiedenen Positionen aus die Lichtreflexionen in Au-genschein genommen, nämlich von der Sitzecke auf der Terrasse, aus verschiede-nen Positionen von der Rasenfläche im Garten der Kläger, von zwei Positionen im Wohnzimmer der Kläger (Essecke und Sitzecke) sowie aus der vom Sohn der Kläger bewohnten Obergeschosswohnung.

Von allen Positionen war zwar eine Reflexion des Sonnenlichts deutlich er-kennbar. Je nach Beobachterposition änderte sich der Lichteinfall und die damit verbundenen Reflexion. Die stärksten Reflexionen durch die engobierten Dachpfannen hat der Senat auf der Höhe der linken und der rechten Seite des Hauses des Beklagten wahrgenommen. Aber auch in diesem Bereich war es den Senatsmitgliedern möglich, auf das Dach zu schauen, ohne hierbei die Augen teilweise verschließen bzw. zukneifen zu müssen. Nach dem Abwenden des Auges vom Dach des Nachbarhauses waren keine dunklen Punkte zu sehen.

Bei der Beobachtung aus dem Gartenbereich heraus gilt es zudem, die vom Dach des Nachbarhauses ausgehenden Reflexionen zu unterscheiden von der eigentlichen Sonneneinstrahlung der hochstehenden Sonne, die gerade auch während des Ortstermins erheblich war. Denn das Auge vermag nach den beim Ortstermin gemachten Erfahrungen der Senatsmitglieder nicht immer ohne weiteres zwischen beiden Lichtquellen zu unterscheiden, so dass fälschlicherweise bisweilen der Eindruck entsteht, die Lichteinwirkung sei allein auf das Dach des Hauses des Beklagten zurückzuführen, obwohl von oben zusätzlich Sonnenlicht einfällt.

Auch im Inneren des Hauses der Kläger war keine stärkere Blendwirkung fest-zustellen als im Gartenbereich. Vielmehr war die Reflexion im Inneren des Hauses vergleichbar mit derjenigen im Gartenbereich und im Bereich der Terrasse. Sie nahm jedoch ab, je weiter man in das Haus hinein ging.

Zwar zieht die Reflexion des Daches gerade im Innenbereich die Aufmerksamkeit auf sich, da die Umgebung dort dunkler ist als im Außenbereich. Gleichwohl überschreitet nach dem übereinstimmenden Empfinden aller Senatsmitglieder die Reflexion die Erheblichkeitsgrenze einer Beeinträchtigung nicht.

Der Senat hat Sitzproben am Esstisch und in der Sitzecke durchgeführt. Vom Esstisch aus ist lediglich eine relativ kleine Dachfläche zu erkennen. Ein Großteil der Dachfläche wird durch die Wände des Hauses der Kläger verdeckt. Von der Sitzecke aus betrachtet, ist ebenfalls nicht die gesamte Dachfläche des Nachbarhauses zu erkennen. Auch dies führt dazu, dass der Senat die Beeinträchtigung durch die Reflexionen als nicht gravierend empfunden hat.

Schließlich hat der Senat - ebenso wie der Sachverständige - den Eindruck gewonnen, dass sich bei einem Blick aus der Obergeschosswohnung auf das Dach des Nachbarhauses eine vergleichbare Lichtsituation einstellt wie auf der Terras-se.

Nach den vorstehend dargestellten Eindrücken des Senats beim Ortstermin auf dem Grundstück der Kläger, welche diejenigen des Sachverständigen ausdrücklich bestätigen, vermag der Senat eine Erheblichkeit der Beeinträchtigung im konkreten Einzelfall nicht anzunehmen. Insbesondere die Nutzbarkeit der Räumlichkeiten im Haus der Kläger sowie die Gartennutzung sind nach Wahrnehmung des Senats nicht in erheblicher Weise eingeschränkt […]

Nach Darstellung der Kläger tritt die Blendwirkung bei Sonnenschein in den Monaten März bis Mitte September zwischen 10:30 Uhr und 14:30 Uhr auf. Bei die-ser Betrachtung ist zugrunde zu legen, dass die Blendwirkung bereits bei leichter Bewölkung deutlich eingeschränkt wird, wie der Senat anlässlich des Ortstermins selbst beobachten konnte. Vor diesem Hintergrund tritt die von den Klägern geltend gemachte Beeinträchtigung nicht an allen Tagen im oben genannten Zeitraum und nicht vier Stunden täglich auf.“

Zusammengefasst stellte das Oberlandesgericht fest:

“Angesichts der vom Senat eher als gering empfundenen Blendwirkung folgt nach Auffassung des Senats auch aus der von den Klägern dargestellten Zeitspanne keine Erheblichkeit der Blendwirkung.“


Kein fester Wert für Blendung

Für die Praxis ist das Urteil deshalb interessant, weil die Richter feststellten, dass es keinen festen Wert gäbe, ab dem eine Blendung unzulässig sei. Abschließend aus dem Urteil:

“In diesem Zusammenhang stellt der Senat ausdrücklich klar, dass er als Erheblich-keitsschwelle nicht schematisch eine Lichtstärke von 100.000 cd/m² angenommen hat, wie sie in vereinzelten landesrechtlichen Regelwerken im Hinblick auf die zulässige Lichtstärke von Photovoltaikanlagen festgelegt ist.“

Die Entscheidung lässt sich mit einem Satz zusammenfassen. Es kommt auf den Einzelfall an.


Verantwortung bei Dachdeckern

Eine große Verantwortung sehen wir bei den Dachdeckerfachbetrieben. Diese werden bei der Auswahl der Dachpfannen ihre nicht fachkundigen Kunden über die Blendgefahren aufklären müssen. Und zwar konkret für das jeweilige Bauvorhaben und nicht nur allgemein gehalten unter der vagen Überschrift, es könnte sein.




Auch Solaranlagen können böse blenden:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 19.06.2014: Solaranlage ja – doch den Nachbarn darf sie nicht (allzusehr) blenden]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 05.09.2017 - 2. Teil: Solaranlage ja – doch den Nachbarn darf sie nicht (allzusehr) blenden]


Siehe auch:

[Bau-News-Beitrag vom 21.11.2015 - Gericht: „Sturm- und hagelsicher wie kaum ein anderes Dach“ versprochen – dann muss es auch Hagel standhalten]