Oberlandesgericht: Ball darf vom Sportplatz nur einmal pro Woche zum Nachbarn fliegen

Lösung: Ballfangzaun auf sechs Meter erhöhen


25.04.2016 - Dass ein Ball verschossen werden kann, weiß jeder, der schon einmal Fußball gespielt hat. Wird er kräftig verschossen, landet er auch schon mal dort, wo er ganz und gar nicht hingehört: nicht mehr auf dem Sportplatz, sondern dem Nachbargrundstück. Jetzt entschied das Oberlandesgericht Naumburg (OLG Naumburg, Urteil vom 23.11.2015 – 12 U 184/14): einmal pro Woche darf das passieren, geschieht das 135 mal im Jahr ist das zu viel. Und gaben auch gleich auf den Weg, wie das zu verhindern sei. Nämlich durch Erhöhung des Ballfangzaunes auf sechs Meter.


Ein Sportplatz - mit "Gefahr für Leib und Leben"

Im der Gegend um Dessau, in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt, störten sich zwei Eigenheimbesitzer an dem, was auf dem Nachbargrundstück passierte. Das gehörte der Stadt. Die hatte es an den örtlichen Sportverein verpachtet, der es für den Trainings- und Spielbetrieb seiner Fußballmannschaften nutzte. 120 Kinder und Jugendliche in acht Nachwuchsmannschaften trainierten auf dem Platz.

Den Eigenheimbesitzern passte alles nicht. Jugendliche im Alter zwischen 7-20 Jahre seien dort auch schon mal außerhalb des Trainings- und Fußballbetriebes anzutreffen, bemängelten sie. Büchsen, Bierflaschen und sonstiger Müll würden durch die Gegend fliegen. Und immer wieder kämen Bälle geflogen. Die beiden schienen viel Zeit zu haben. Denn sie führten Protokoll über die fehlgeleiteten Schüsse. 111 sollen es im Jahr 2013 gewesen sein, 135 ein Jahr später, die auf ihrem Grundstück landeten.


Landgericht Dessau: Querpässe verboten

Sie gingen gegen die Stadt und den Sportverein vor. Schließlich auch vor dem Landgericht Desslau-Roßlau. Dem trugen sie bewegt vor, man würden sie anfeinden und durch Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten denunzieren. Dabei hätten sie ein „Sicherheitsinteresse zur Abwehr von Gefahren für ihr Leib und Leben.“ Nun ja! Eine ihrer Forderungen: das Ballspielen quer zur Hauptrichtung zu verbieten. Etwas, was man bislang nur als lautstarke Forderung mancher Trainer vom Spielfeldrand kennt: immer nach vorne Jungs, immer nach vorne. Und dann, man glaubt es kaum: die beiden fanden Gehör beim Landgericht. Es entschied, dass im Rahmen des Trainings- bzw. Punkt- und Freundschaftsspielbetriebes nicht mehr quer zur Hauptrichtung gespielt werden dürfte. Für jeden Fall der Zuwiderhandlung wurde ein Ordnungsgeld bis 250.000 EUR angedroht. Der Sportbetrieb war stillgelegt.

Die Eigenheimbesitzer waren dennoch nicht zufrieden, hatten sie doch weit umfangreichere Forderungen aufgestellt. Bis hin dazu, dass man sie nicht mehr beschimpfen und beleidigen dürfe. Dies zu unterbinden, sei Aufgabe der Polizei, meinten die Dessau–Roßlauer Richter. Nicht der Ziviljustiz.

So gingen alle in Berufung. Eigenheimbesitzer, Stadt und Sportverein. Der Fall landete beim 12. Zivilsenat des Oberlandesgericht Naumburg. Die dortigen Richter hatten mehr Verständnis für Fußball. Zwar, so im Urteil:

„Ein jahresdurchschnittlicher Ballüberflug von mehr als einem Ball pro Woche führt zu einer wesentlichen Beeinträchtigung des Eigentumsrechts der Kläger an ihrem Grundstück, zu deren Duldung sie nicht verpflichtet sind. Dabei ist auch unerheblich, ob das Grundstück der Kläger gärtnerisch genutzt wird oder eher verwildert ist.“


Oberlandesgericht: Querspielen wieder erlaubt

Aber Querpässe sind wieder erlaubt. Aus dem Urteil:

„Welche Maßnahmen zum Schutz der Nachbarn durch überfliegende Bälle erforderlich sind, richtet sich nach den jeweiligen Umständen des Einzelfalls. Gesetzliche Vorschriften über die Höhe zum Schutz von unbeteiligten Dritten oder Nachbarn zu errichtenden Schutzzäune oder Gitter im Bereich eines Fußballfeldes bestehen nicht […]

Die Berufung der Beklagten zu 1. und die Anschlussberufung des Beklagten zu 2. sind begründet, soweit das Landgericht dem Klageantrag zu Nr. 1 a) stattgegeben und ein Verbot des Querspielens auf dem Sportplatz ausgeurteilt hat. Denn die Kläger haben - wie oben ausgeführt - keinen Anspruch auf eine bestimmte Maßnahme.“


Sechs Meter Ballfangzaun - und alles wird gut

Die Lösung gaben die Naumburger Richter in dem Urteil der Stadt und dem Verein gleich mit. Sogar als amtlichen Leitsatz:

"Ein sechs Meter hoher Ballfangzaun kann geeignet, aber auch ausreichend sein, den Überflug von Fußbällen von einem öffentlich zugänglichen Sportplatz auf ein benachbartes Privatgrundstück in erheblichem Umfang zu verhindern"

Mit ihrem Teil der Berufung hatten die Eigenheimbesitzer keinen Erfolg. Dass man sie beleidigen würde, sei nicht zwangsläufig mit dem Betrieb des Sportplatzes verbunden, wurde geurteilt. Das wären dann Exzesse einzelner, die man der Stadt und dem Sportverein nicht zurechnen könne.



In einem weiteren Blog-Beitrag berichten wir über ein Urteil des Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder. Eine Grundstückseigentümerin verlangte die Schließung eines Bolzplatzes in 125 Meter Entfernung. Das Gericht wies dieses Ansinnen ab.

[Zum Bau-News-Beitrag vom 02.04.2013 - Wenn der Bolzplatz stört – Verwaltungsgericht zeigt Kriterien auf]



Dieser Beitrag ist im Blog „Bau-News“ erschienen.

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