Mit Kölner Masche (angeblich) aus Prag: die Firma „der Stadt Verlag“

05.11.2018 mit diversen Updates, zuletzt vom 06.08.2020 - Das ganz spezielle Geschäft mit der „Kölner Masche“ findet weiterhin kein Ende.

[Mehr zum Thema Anzeigenbetrug mit der Kölner Masche]

Angeblich aus der tschechischen Hauptstadt Prag ist jetzt der nächste Name aufgetaucht: der Stadt Verlag GmbH. Dass der erste Buchstabe klein geschrieben ist, ist kein Vertipper von uns. Doch in Prag wird man von dieser Firma außer einem Briefkasten wohl nicht viel antreffen.

Das Ziel der Firma „der Stadt Verlag“ ist es, von Gewerbetreibenden und Freiberuflern eine Unterschrift unter einem Formular zu ergattern. Damit sollen die sich verpflichten, Geld für eine Anzeige in einer „Publikation: Bürgerinformationsfolder“ oder „Publikation: Infotafel" zu zahlen. Viel Geld.

Und auch bei der Firma „der Stadt Verlag“ gibt es, nach Art solcher Firmen, wenig Gegenleistung dafür.


Der Trickanruf

So wie es uns berichtet wird, segelt die Firma „der Stadt Verlag“ unter falscher Flagge. Ein derartiges Geschäftsmodell wird Kölner Masche genannt, seit vor Jahr und Tag zum ersten Mal in Köln gegen diese Art von Betrug ermittelt wurde.

Gewerbetreibende, Freiberufler und Vereine, die in der Vergangenheit regelmäßig in einer von Dritten herausgegebenen Stadt- oder Straßenkarte, zum Beispiel der Gemeindeverwaltung, inseriert hatten, erhalten einen Anruf. In akzentfreiem Deutsch bezieht man sich auf diese Karte und erklärt, es müsse schnellstens ein Formular unterschrieben werden – sonst könne das Inserat nicht mehr in der nächsten Ausgabe veröffentlicht werden.


Formular mit dubiosem Inhalt

Das angekündigte Formular kommt bald darauf. Tatsächlich findet sich in ihm auch die bisher verwendete Anzeige der so Angesprochenen. Ebenso die sinngemäße Bezeichnung der bisherigen Publikation. „Bürgerinformationsfolder“ beispielsweise.

Die so Angesprochenen gehen davon aus, dass alles seine Richtigkeit habe. Schließlich hatte man gerade darüber geredet. Sie unterschreiben – und schicken es an die angegebene Rückfax-Nummer mit 0322er-Vorwahl zurück. Diese Vorwahl gehört in Deutschland, was nicht allgemein bekannt ist, zu den nicht ortsgebundenen Telefonnummern.

Irgendwann, wenn die Rechnungen kommen, fällt der Schmu auf: die Firma „der Stadt Verlag“ hat nichts mit der bisherigen Anzeigenveröffentlichung zu tun.


Viel Geld für wenig

Und wofür das viele Geld, 870,60 Euro brutto sind es für eine 4*9 cm kleine Anzeige? Die Firma „ der Stadt Verlag“ nennt in ihrem Formular das Schlagwort „Publikation: Bürgerinformationsfolder“. Was auch immer sich dahinter verbirgt.

Alles weitere Kleingedruckte im Formular hat man fast wortgleich schon bei anderen Firmen aus dieser speziellen Geschäftswelt gesehen: das sogenannte Objekt soll eine Auflage von 500 Exemplaren haben, kann man im Kleingedruckten lesen. Ausgeliefert werden sollen diese „im Postversand an Gewerbetreibende und/oder Gewerbeämter, Stadtverwaltungen und sonstige öffentl. Einrichtungen“.

Etwa im PLZ-Gebiet 97, das 13 Landkreise mit 263 Orten, von Würzburg bis zum Hundert-Seelen-Dorf, umfasst und eine Fläche von mehr als 8.200 km² hat. Bei einer Ausdehnung von fast 100 Kilometern. Ein Werbeerfolg ist damit kaum zu erwarten.

Darüber, nach welchen Kriterien die 500 Empfänger ausgesucht werden, schweigt das Kleingedruckte.

Es steht auch, versteckt, noch folgende Formulierung im Formular der Stadt Media Verlag GmbH:

„Es handelt sich hier um einen neuen Auftrag, der mit anderen Aufträgen bei uns oder bei anderen Firmen nicht in Verbindung steht und deren Gültigkeit nicht berührt. Der Auftraggeber bestätigt ausdrücklich, dass weder Werbestadtpläne bzw. Werbekarten und Broschüren anderer Firmen Grundlage dieses Auftragen sind.“

Warum das wohl so betont wird? Doch wohl deshalb, weil dieser Eindruck erweckt wurde. Und erweckt werden sollte.

[Muster eines Formulars der Firma „der Stadt Verlag“]

Wenn man nicht schnellstens das Formular zurückschickt, hakt die Firma „der Stadt Verlag“ mit weiteren Anrufen und E-Mails unverdrossen nach. Das liest sich dann in der E-Mail so:


E-Mail-Anschreiben der Firma "der Stadt Verlag" - Auszug:






Wer zahlt, findet keine Ruhe

Wer glaubt, nach einer Zahlung Ruhe vor der Firma „der Stadt Verlag“ zu haben, wird sich bald mit der nächsten Rechnung konfrontiert sehen. Nach dem Vertragsformular entsteht der Rechnungsbetrag nämlich zweimal innerhalb eines Jahres. Zwei Jahre lang. Das sind dann schon 3.482,41 Euro brutto. Oder noch länger. Noch einmal aus dem Kleingedruckten:

“Der vorliegende Anzeigenvertrag verlängert sich jeweils um ein weiteres Jahr, wenn der Auftrag nicht drei Monate vor Vertragsablauf schriftlich gekündigt wird.“

Allerdings gibt es, abhängig vom Verlauf des vorangegangen Telefonats, auch Formulare, in denen es heißt, "läuft automatisch danach aus" oder "Bedarf keiner weiteren Kündigung".


Briefkastenadresse?

Wer hinter der Firma „der Stadt Verlag“ steckt, lassen weder deren E-Mails, noch das verwendete Formular erkennen. Im tschechischen Handelsregister konnten wir eine Firma mit diesem Namen heute nicht feststellen.

Überhaupt würden wir dafür, dass die Firma „der Stadt Verlag“ in Prag mehr als einen Briefkasten hat, nicht die Hand ins Feuer legen wollen. In der Vergangenheit haben die aus Deutschland stammenden Hinterleute solcher Firmen gerne schon mal zu ausländischen Tarnadressen gegriffen, um ihre wahre Herkunft zu verschleiern.

Bei den Anrufen der Firma, so wurde es uns geschildert, wurde eine Nürnberger 0911-Vorwahl angezeigt, danach folgten unterschiedliche Durchwahlnummern. Auch das Formular nennt eine deutsche Mobilfunknummer.


Forderungsabwehr ist möglich

Viel zu häufig werden solche Rechnungen bezahlt. Und dadurch das Geschäftsmodell der Kölner Masche bis heute am Leben erhalten. Manche zahlen, weil Ihnen am Anfang nichts auffällt; sondern vielleicht erst bei der zweiten, dritten oder letzten Rechnung. Andere, weil sie sich schämen, herein gelegt worden zu sein und nun ihre Ruhe haben wollen.

Doch Forderungen aus Verträgen, wie dem der Firma „der Stadt Verlag“, sind angreifbar. Nach unserer Rechtsauffassung alleine schon deshalb, weil es, wie es im Juristenlatein heißt, an den essentialia negotii mangelt. Und damit wegen mangelnder Bestimmtheit kein wirksamer Vertrag zustande gekommen ist. Auch dann, wenn schon irrtümlich auf eine oder mehrere Rechnungen bezahlt wurde und das Geld zurück verlangt wird. Ein beliebter Trick solcher Firmen, auf § 814 BGB zu verweisen, greift nicht: damit hat man noch lange nicht das Bestehen eines Vertrages anerkannt, wie es gerne behauptet wird.

Wenn man eine Rechnung dieser Firma für sogenannte Bürgerinformationsfolder oder Infotafeln erhält, ist nach unserer Erfahrung eine frühest mögliche Reaktion der sicherste Weg, um sich zu wehren. Gerne können Sie uns dazu ansprechen. Am besten mailen Sie uns - unverbindlich - vorab den kompletten Schriftwechsel; wir melden uns dann.



Update vom 15.07.2019:
Angebliche Bonner Anschrift

Schon im Anruf bei den Betroffenen bemüht sich die Firma „der Stadt Verlag“, keine Verbindung mit ihrem angeblichen Sitz in Tschechien zuzulassen. Jetzt tarnt man sich auch in den Faxanschreiben, das die Betroffenen nach dem Telefonat erhalten.

[Beispiel eines Fax-Anschreibens der Firma „der Stadt Verlag“ an Betroffene Sommer 2019]

Man gibt als Absender eine deutsche Anschrift an, die Weimar Straße 24 in 53117 Bonn. Dass es eine Straße mit diesen Namen in Bonn nicht gibt, dürfte den meisten unbekannt sein. Ebenso, dass die Vorwahl für die nunmehr angegebene Fax-Nummer nicht zu Bonn gehört, sondern zum Raum Leipzig.



Update vom 28.08.2019:
Jetzt mit Inkassobüro aus der Schweiz

Die Firma „der Stadt Verlag“ hat einen Geldeintreiber aus der Schweiz beauftragt. Die TOP Inkasso GmbH aus Luzern/Schweiz, die in der Vergangenheit schon für andere Firmen aus der Abzocker-Szene auftrat. Die TOP Inkasso GmbH ist nicht zu verwechseln mit der mit Bindestrich versehenen TOP-Inkasso GmbH aus dem Schwarzwald. Letztere ist seriös und ist auch im deutschen Rechtsdienstleistungsregister eingetragen. Gezahlt werden soll auf ein Konto der TOP Inkasso GmbH bei der schweizerischen Basler Kantonalbank.



Update vom 09.10.2019:
Geändertes Formular

Das Formular der Firma "der Stadt Verlag" wurde im Herbst 2019 geändert. Äußerlich jedenfalls. Der Inhalt ist der alte geblieben, er wurde nur an andere Stelle geschoben.

[Beispiel eines Formular der Firma "der Stadt Verlag" September 2019]



Update vom 09.06.2020:
Jetzt aus der Türkei

Im Sommer 2020 nennen die Vertragsformulare der Firma "der Stadt Verlag" eine neue Anschrift. Der Schmu kommt jetzt aus der in Zentralanatolien gelegenen Stadt Kayseri.

[Vertragsformular der Firma "der Stadt Verlag" vom Sommer 2020 mit türkischer Firmenanschrift]



Update vom 06.08.2020:
Neuer Name aus der Türkei

Der Name "der Stadt Verlag" scheint verbrannt zu sein. Im August 2020 nennt sich der Schwindel aus der Türkei "medienzentrale Verlag Service". Inhaltlich ist alles andere gleich geblieben. Vergleichen Sie selbst das aktuelle Vertragsformular mit dem, über das wir im Update vom 09.06.2020 berichtet hatten.

[Formular der "medienzentrale verlag service" aus Kayseri/Türkei]





Die Firma "der Stadt Verlag" ist nicht zu verwechseln mit der "Stadt Media Verlag GmbH". Zwar ist ihre Masche fast eins-zu-eins identisch. Doch befindet sich deren Briefkasten in Bulgarien.

[Zum Blog-Beitrag vom 05.05.2018 - Pseudo-Bulgare mit Kölner Masche: Stadt Media Verlag GmbH will abkassieren]



Ohne sie geht gar nichts:
[Callcenter - Maschinenräume der Abzockerszene]

Neu ist er nicht:
[Seit über 100 Jahren: Inseratenschwindel, damals so wie heute]


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