Baumschaden – Gericht setzt auf bewährte Schadensberechnung

23.10.2011 - Mit einer bei Bauarbeiten beschädigten Rotbuche hatte sich das Landgericht Hamburg zu befassen (LG Hamburg, Urteil vom 04.10.2011 – 323 O 44/09). Es setzte für die Feststellung der Höhe des Baumschadens auf die bewährte „Methode Koch“.

Bäume stellen einen Wert dar. Werden sie beschädigt, muss der Verursacher teils erhebliche Schadensersatzbeträge zahlen.

So auch in dem Hamburger Rechtsstreit: der dortige Kläger war Eigentümer eines Grundstücks, das mit einem Einfamilienhaus bebaut war. Auf dem Grundstück befand sich an der Grenze zum Nachbargrundstück eine Rotbuche. Der Beklagte des Rechtsstreits hatte dort während der Errichtung eines Mehrfamilienhauses Aufgrabungsarbeiten zur Erstellung der Regen- und Abwasserleitungen durch eine Baufirma durchführen lassen. Diese pfuschte und beschädigte 42% der Wurzeln der Rotbuche. Der Baum verlor die notwendige Statik und es bestand Umsturzgefahr. Der Kläger ließ ihn für rund 3.300 EUR roden und pflanzte als Ersatz einen jungen Baum.

Mit der Klage forderte er Ersatz der Rodungskosten vom Nachbarn, dem Bauherrn. Außerdem verlangte er die Kosten für die Anpflanzung und den Aufwuchs einer Ersatzpflanzung nebst damit verbundenem Minderwert gegenüber der vormaligen Bepflanzung. Der Minderwert resultiert aus der Überlegung, dass ein junger Baum weniger Wert hat, als ein ausgewachsener Baum, so dass deshalb der Schaden höher ist, als „nur“ der Kaufpreis eines Jungbaumes aus der Baumschule. Ein Sachverständiger bezifferte diese Schadensposition unter Berücksichtigung der sogenannten „Methode Koch“ mit weiteren 6.200 EUR. Für diesen „Gutachterlichen Kurzbefund“ mussten 330 EUR an den Sachverständigen bezahlt werden. Auch dieser Betrag wurde eingeklagt.

Der Kläger war erfolgreich.

Das Berichtenswerte am Urteil ist die Akzeptanz der Methode Koch durch das Gericht. Es handelt sich dabei um ein Sachwertverfahren. Bei der Bestimmung der Schadensersatzhöhe geht das Verfahren davon aus, dass ein Baum ein wesentlicher Bestandteil des Gründstücks ist, eine Funktion für dieses ausübt und seine Beschädigung den Grundstückswert mindert. Das Verfahren entspricht seit 1975 der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes und hat sich in der Praxis als Berechnungsmethode bewährt. Es führt im Ergebnis zur Feststellung deutlicher Schadenshöhen.

Es gab deshalb in letzter Zeit Stimmen, die zu einem – wohl vor allem für die (Haftpflicht-) Versicherer – günstigeren, also billigeren, Ergebnis gelangen wollten. Als Ansatzpunkt sahen sie die Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV2010). Nach dieser Verordnung sind Gartenanlagen bereits im Bodenwert enthalten und können nicht mehr gesondert berechnet werden. Ein Geschädigter müsste mit einem deutlich niedrigeren Schadensersatzbetrag rechnen. Die ImmoWertV ist jedoch nur für Gutachterausschüsse bindend, nicht für Gerichte und Sachverständige. Es war deshalb für die Hamburger Richter konsequent, sich an der bisherigen Rechtsprechung zu orientieren.

Der verurteilte Nachbar und seine Haftpflichtversicherung müssen jetzt zusehen, dass sie Regressansprüche gegen die Baufirma durchsetzen können, die der eigentliche Verursacher des Geschehens war.


Mittlerweile liegt auch eine Entscheidung des Bundesgerichtshof vor. Es bleibt bei der Methode Koch:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 22.02.2013]

In weiteren Beiträgen unseres Bau-News-Blog geht es rund um das Thema Bäume:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 19.01.2012: Auch beim private Fällen von Bäumen schützt die Privathaftpflicht-Versicherung, entschied der Bundesgerichtshof]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 27.06.2012: Höherwertigere Bäume zu liefern als bestellt, kann ein Mangel sein]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 11.01.2013: Baum gefällt – muss vor Baumstumpf gewarnt werden?]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 05.11.2013: Ein Privatmensch muss die Standsicherheit seiner Bäume nicht durch Fachleute prüfen lassen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 24.03.2014: Bundesgerichtshof - eine absolute Sicherheit gibt es gegen abbrechende Äste nicht]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 09.11.2015: Bundesgerichtshof bestätigt: Nachbar muss hinnehmen, dass ein Baum Schatten wirft]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 25.11.2016: Ein Berg-Ahornbaum gehört nicht auf den Balkon]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 20.07.2017: Durchwurzelung von Abwasserleitung – Nachbar muss deswegen nicht den Baum fällen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 26.01.2018:Für Laub von Nachbars Baum kann Geld verlangt werden - theoretisch jedenfalls]

Dieser Beitrag ist im Blog „Bau-News“ erschienen.

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